Alkohol

Abstinenz oder kontrolliertes Trinken – die Weiche, an der alles hängt

Lesedauer 3 Minuten · von Hans-Paul Kühn

Abstinenz oder kontrolliertes Trinken – die Weiche, an der alles hängt

„Ich bin doch kein Alkoholiker.“ Diesen Satz höre ich in fast jedem Erstgespräch, in dem es um Alkohol geht. Meistens kommt er früh, oft unaufgefordert, und fast immer mit einer Spur Trotz. Ich widerspreche dann nicht. Ich stelle eine andere Frage: Was müsste passieren, damit Sie selbst sagen würden, dass Alkohol in Ihrem Leben zu viel Platz hatte?

Denn darum geht es bei der Weiche, an der jede Alkohol-MPU hängt: Reicht es, Trinken und Fahren sauber zu trennen – oder muss sich der Umgang mit Alkohol selbst ändern? Von dieser einen Frage hängt ab, ob Sie einen Abstinenznachweis brauchen, wie lange Ihre Vorbereitung dauert und worüber Sie in der Begutachtung sprechen werden.

Wie ein Gutachter denkt

Ein Gutachter sammelt keine Punkte. Er arbeitet wie ein Arzt in der Differentialdiagnose: Er prüft mehrere mögliche Erklärungen für das, was passiert ist, und schließt sie nacheinander aus, bis eine übrig bleibt. Erst dann prüft er, ob genau diese Problematik überzeugend bearbeitet wurde.

Bei Alkohol reicht das Spektrum von einer Abhängigkeit über eine verselbständigte Trinkgewohnheit und eine erhöhte Trinkfestigkeit bis hin zu dem Fall, in dem der Konsum an sich unauffällig ist, aber Trinken und Fahren nicht zuverlässig getrennt wurden. Vier sehr verschiedene Ausgangslagen – und vier sehr verschiedene Wege.

Deshalb ist die verbreitete Suche nach den „richtigen Antworten“ zum Scheitern verurteilt. Eine Antwort, die zu einer anderen Ausgangslage gehört, wirkt in der Begutachtung nicht überzeugend, sondern auswendig gelernt.

Was die Einordnung beeinflusst

Es gibt keine Formel, aber es gibt eine Faustregel, die sich in der Praxis bestätigt: Je höher der Wert bei der Tat und je mehr Vorfälle es gab, desto eher führt der Weg über belegte Abstinenz – und desto weniger trägt die Vorstellung, künftig einfach etwas maßvoller zu trinken.

Ein Wert von 1,6 Promille oder mehr ist dabei kein willkürlicher Schwellenwert. Wer mit einer solchen Konzentration noch fährt und ansprechbar ist, hat eine Körpergewöhnung entwickelt, die nicht an einem Abend entsteht. Das ist der eigentliche Befund – nicht die Fahrt.

Der Nachweis ist nicht die Veränderung

Hier passiert der teuerste Fehler in der ganzen Vorbereitung. Viele investieren zwölf Monate in ein Abstinenzprogramm, legen tadellose Befunde vor – und bekommen trotzdem ein negatives Gutachten. Der Grund ist fast immer derselbe.

Ein Nachweis belegt eine Tatsache: In diesem Zeitraum wurde nichts konsumiert. Er belegt nicht, dass diese Abstinenz stabil ist. Bewertet wird aber genau das. Die Frage lautet nicht „Haben Sie durchgehalten?“, sondern „Was hat sich in Ihrem Leben verändert, damit Sie es durchhalten konnten – und was trägt, wenn der Druck wiederkommt?“

Ein perfektes Laborergebnis mit einer leeren Erklärung führt regelmäßig zu einem negativen Gutachten.

Zwei praktische Punkte, die viele Monate kosten, wenn man sie zu spät erfährt: Belege müssen aus einem kontrollierten Programm eines akkreditierten Anbieters stammen – Tests aus der Apotheke oder ein Gefallen beim Hausarzt zählen nicht. Und der Zeitraum beginnt mit der ersten Probe, nicht mit dem Tag, an dem Sie aufgehört haben.

Vier Fragen, die Sie sich heute stellen können

  • In welchen Situationen habe ich getrunken – und was hat mir das in diesem Moment gebracht?
  • Wann habe ich zuletzt bewusst entschieden zu trinken, statt es einfach zu tun?
  • Was in meinem Leben wäre anders, wenn Alkohol darin keine Rolle mehr spielte – im Guten wie im Schwierigen?
  • Wen würde es überraschen, wenn ich künftig nichts mehr trinke? Und was sagt mir diese Reaktion?

Nehmen Sie sich für jede Frage ein paar Zeilen und schreiben Sie sie auf. Nicht für einen Gutachter – für sich. Was dabei herauskommt, ist der Rohstoff Ihrer Vorbereitung. Alles Weitere bauen wir darauf auf.

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